Abgehängte Kultur

Bild: flickr.com/Erich Ferdinand
Bild: flickr.com/Erich Ferdinand

Auf den ersten Blick wird an Wiesbadens Litfaßsäulen auch im April 2016 noch fleißig für Kultur geworben – für ein Konzert des Wiesbadener Knabenchors etwa, für ein Chansonkonzert im Kulturclub Biebrich, Aufführungen des Jugendzirkus Flambolé oder das Internationale Sommerfest, für Literaturtage und das Folklore-Festival. Spätestens bei letzterem werden viele stutzig. Mit gutem Grund: Auf den zweiten Blick entpuppen sich die bunten Plakate allzu oft als Werbung für Veranstaltungen aus dem vergangenen Jahr. Denn seit 1. Juli 2015 können sich viele Wiesbadener Kulturveranstalter die Plakatwerbung auf Litfaßsäulen und Stromkästen nicht mehr leisten.

Seitdem müssen sie 25 Prozent des Listenpreises zahlen, den die Wall AG für eine Plakatierung verlangt. Zuvor mussten sie nichts zahlen. Die Wall AG, die alle städtischen Außenwerbeflächen seit 2011 vermarktet, hatte im Gegenzug für gute kommerzielle Geschäfte in der Stadt freiwillig einen Rabatt von 100 Prozent gewährt.

Bis zu 1.770 Euro mehr – für viele Veranstalter zu viel

Die nun anfallenden Mehrkosten von bis zu 1.770 Euro können sich viele Veranstalter schlicht nicht leisten. „Für uns ist keine Werbung an den Litfaßsäulen mehr möglich“, sagt etwa Elke Gruhn vom Nassauischen Kunstverein. Für die meisten anderen Kulturschaffenden gilt das ebenfalls. Einzig größere Veranstalter wie der Schlachthof können sich eine regelmäßige Plakatierung noch leisten – allerdings nur noch auf Stromkästen und nur für große Veranstaltungen in der Halle. „Die haben ein Budget für Plakatierung, die kleinen Kesselhaus-Shows nicht“, sagt Carsten Schack vom Schlachthof.

Auch das Kulturamt bewirbt laut eigener Aussage noch einzelne, größere Veranstaltungen „zu den gleichen Konditionen wie sie auch Wiesbadener Kulturinstitutionen eingeräumt werden“ – und hat damit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den freien Kulturträgern. Der Wegfall der kostenlosen Plakatierung hat zudem Auswirkungen auf die Kreativwirtschaft. „Kleine Initiativen und Gruppen können sich die Plakatierung nicht mehr leisten, Aufträge für Grafiker aus diesem Gebiet bleiben aus“, sagt der Diplom-Designer Albert Ernst.

Nicht nur die Kosten machen Kulturschaffende wütend

Doch es sind nicht nur die zusätzlichen Kosten, die Wiesbadens Kulturschaffenden wütend machen. Es ist auch der Umgang des Kulturamts mit ihnen. Dieses teilte Ende April 2015 in einem knappen Schreiben mit, dass das Plakatieren ab Juli nicht mehr kostenlos sein werde. Bis zum 15. Mai mussten die Kulturveranstalter erklären, ob sie ihre Reservierungen für das zweite Halbjahr zu den neuen Konditionen aufrechterhalten wollen. Viele konnten das nicht, da zu diesem Zeitpunkt die Budgetplanungen für das laufende Jahr schon längst gelaufen waren. Das exground filmfestival oder der Humanoise Congress etwa mussten deshalb auf eine Plakatierung verzichten. „Ich finde dieses Vorgehen höchst unmoralisch“, sagt Andrea Wink vom exground. Sie hätte sich gewünscht, dass der Magistrat die Kosten für das zweite Halbjahr übernimmt. Doch dem war nicht so. Hinzu kommt: Man habe nicht das Gefühl, dass sich das Kulturamt oder der Magistrat besonders für ihre Belange eingesetzt habe, heißt es unisono unter den Kulturschaffenden.

Und jetzt? Die Kulturveranstalter plakatieren, wenn überhaupt, nur noch im Einzelhandel und in Kneipen. Auch Social Media kann die Plakatwerbung nicht ersetzen. „Der reale Raum unterliegt einer ganz anderer Wahrnehmung und Nutzung als der virtuelle“, sagt Margarete Goldmann, Sprecherin des AK Stadtkultur. Gerade auf Facebook stößt man selten auf Dinge außerhalb des eigenen Wahrnehmungshorizonts – Stichwort Filter Bubble.

Öffentlicher Raum wird kommerzialisiert

Und noch ein Effekt ist zu beobachten: „In den Straßen ist nur noch zu sehen, was Geld hat. Nichtkommerzielle oder schwerzugängliche Kultur verliert an öffentlicher Sichtbarkeit“, sagt Carsten Schack. Die Abschaffung der Kultursäulen leiste einen immensen „Beitrag zur Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums“, ergänzt Goldmann.

Das Kulturamt teilt mit, es möchte künftig vier allgemeine Säulen zur Verfügung stellen, die ausschließlich und kostenfrei auf das kulturelle Geschehen in Wiesbaden hinweisen sollen. Das entsprechende Realisierungsverfahren und Ausgestaltungskonzept hierzu werde momentan erarbeitet. Einen konkreten Zeitrahmen kann das Amt aber nicht nennen. Vier von 200 Litfaßsäulen sind – so sie denn tatsächlich früher oder später kommen – besser als nichts. Aber sie sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Kultur jenseits des Mainstreams wird im Stadtbild auch weiterhin kaum sichtbar bleiben.

Erschienen in Sensor Wiesbaden Nr. 43

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