„Das hätte auch in die Hose gehen können“

Bild: Karsten Nierhaus
Bild: Karsten Nierhaus

Adriano BaTolba als umtriebigen Musiker zu bezeichnen, ist untertrieben. Er ist nicht nur Bandleader des gleichnamigen Swing-Orchestras und Gitarrist bei Dick Brave & The Backseats, der Gute ist auch als Produzent schwer aktiv. In den vergangenen Jahren zeichnete er sich unter anderem für Aufnahmen der Silverettes, The Firebirds oder Boppin‘ B. aus. Nachdem ich ihn vor zwei Jahren das letzte Mal für das Dynamite Magazine interviewt habe, wurde es mal wieder höchste Zeit in Erfahrung zu bringen, was Adriano BaTolba in der Zwischenzeit so alles gemacht hat.

Adriano, als wir uns das letzte Mal vor rund zwei Jahren unterhalten hatten, warst Du mit der Produktion des neuen Dick Brave Albums beschäftigt und Dein Orchestra steckte noch in den Kinderschuhen. Ich denke, seitdem ist eine Menge passiert, oder?

In der Tat, seitdem ist eine Menge passiert. Im Oktober 2011 kam das Dick Brave Album heraus. Das hat Gold bekommen, was in der heutigen Zeit ja schon eine Leistung ist. Wir wurden zudem für den Echo als bester Act nominiert und haben viele tolle Gigs gespielt unter anderem wieder Rock am Ring und Rock im Park. Zudem haben wir bei einigen großen Festivals in der Schweiz, in Österreich und in Spanien gespielt, dort sogar mit Ozzy Osbourne zusammen.

Ich bin zudem im selben Jahr mit Peter Kraus getourt. Der hatte ja auch ein neues Album veröffentlicht, für das ich den Titelsong „Für immer in Jeans“ geschrieben habe. Die Tour umfasste 60 Konzerte, die konnte ich leider nicht alle mitspielen konnte, da ich zeitgleich mit Dick Brave unterwegs war. Außerdem habe ich das neue Album der Firebirds produziert.

Mit dem Adriano BaTolba Orchestra warst Du auch sehr aktiv.

Das stimmt. Es war wirklich schön zu sehen, wie das Adriano BaTolba Orchestra langsam an Fahrt aufnimmt. Anfang 2012 hatten wir eine kleine Tour gespielt, die echt gut gelaufen ist. Daraufhin kam Wolverine Records auf uns zu und fragte, ob wir nicht bei ihnen eine Platte veröffentlichen wollten. Das hat uns natürlich sehr gefreut. Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass eine Plattenfirma auf dich zu kommt und dich fragt.

Euer Album „Live’n’Loud“ wurde im Herbst 2012 veröffentlicht als Livealbum. Etwas ungewöhnlich für ein Debütalbum.

So ungewöhnlich auch wieder nicht. Früher bestanden die ersten Alben von vielen Rock’n’Roll-Bands aus einem Livemitschnitt. Bei uns war es so, dass wir auf der Tour einige Gigs mitgeschnitten hatten, die gut klangen und uns gefielen. Wir schlugen Wolverine Records also vor eine Live-Platte zu machen, sie waren einverstanden und so kam eins zum anderen.

Seid ihr zufrieden mit den Reaktionen?

Auf jeden Fall! Die Erstauflage der CD war relativ schnell verkauft, sodass die nachgepresst wurde und das Label sogar noch eine Vinylauflage hinterhergeschoben hat – was uns natürlich besonders gefreut hat. Auch sonst waren die Reaktionen über fast durchweg positiv. Wir konnten einige Fernsehauftritte spielen, unter anderem bei Harald Schmidt oder beim NDR-Hamburg-Sounds-Festival. Und wir haben zudem einige Jazz-Festivals gespielt, zum Beispiel in Leverkusen und in St.Wendel.

Der Rockabilly-Anteil am Publikum bei Jazz-Festival dürfte ziemlich gering sein. Für viele der Besucher dürftet ihr die erste Rockabilly-BigBand sein, die sie in ihrem Leben hören. Wie reagieren die auf euch? Ihr seid ja deutlich härter als eine typische Swing-Big-Band.

Manche sind zunächst etwas erschrocken, weil wir deutlich lauter sind, als die Acts, die sie gewohnt sind. Aber gewöhnlich lassen sich die Leute darauf ein und die Reaktionen sind hinterher überwiegend positiv.

Und wie reagiert die Rockabilly-Szene auf euch?

Da bekommen wir schon manchmal zu hören, wir wären nur ein Brian Setzer-Abklatsch. Die übersehen leider oft, dass wir ganz andere, eigene Arrangements haben als Setzer und dadurch auch anders klingen.

Die Stücke werden arrangiert?

Eine Big Band steht und fällt mit dem Sound der Bläser. Dafür müssen Arrangements geschrieben werden von einem sogenannten Arrangeur. Der schreibt dann für jedes Blasinstrument eine eigene Stimme. Das ist bei zehn Bläsern schon eine etwas aufwändigere Sache.

Mit dem Orchester auf Tour zu sein, ist an sich schon eine aufwändige Sache. Mit 13 Musikern in der Band ist es für euch schwer bis unmöglich, in kleinen Clubs zu spielen. Eine gewisse Größe muss ein Veranstaltungsort also schon haben. Ist es schwer, unter diesen Bedingungen Veranstalter zu finden, die ein Konzert mit euch machen wollen?

Klar, normale Rock’n’Roll-Clubs sind selten für eine Big Band ausgelegt. Da bekommst Du ein Trio oder Quartett unter, aber keine 13 Musiker. Deshalb müssen wir schauen, dass wir auf Events spielen, wo wir grundsätzlich von der Größe her hineinpassen. Das ist natürlich nicht so einfach, aber andererseits: Es macht einfach Spaß, wir haben da Bock drauf. Und das ist ja auch unser Alleinstellungsmerkmal, das wir eine Big Band sind und nicht nur ein weiteres Rockabilly-Trio.

batolbacoverDu sagtest eben, in der Szene nehmen euch manche als Brian-Setzer-Abklatsch war. Glaubst Du, diese Ablehnung hat etwas mit Deinem Engagement bei Dick Brave zu tun?

Das weiß ich nicht. Aber es ist schon so, dass mich die meisten Leute in der Szene das erste Mal als Gitarrist von Dick Brave wahrgenommen haben. Und dann gibt es welche, die sagen: „Dick Brave fand ich schon immer scheiße und jetzt macht der noch einen auf Brian Setzer. Das ist ja doppelt scheiße.“ Das finde ich schade, wenn die uns nur deswegen keine Chance geben. Anderseits gibt es aber nicht wenige Leute, die uns mögen und sich an unserer Musik erfreuen. Immer wenn Du etwas machst, gibt es Leute, die darauf stehen und Leute, denen es nicht gefällt. Das Absurde ist aber, dass wir außerhalb der Szene damit zu kämpfen haben, wir wären nur eine Szenegeschichte, die nur dort Relevanz besitzt.

Ihr sitzt praktisch zwischen den Stühlen?

So könnte man sagen. Das ist wie eine Lunte, die von beiden Seiten brennt. Die eine Seite sagt: „Ihr seid Mainstream“ und der Mainstream sagt: „Das ist ja voll Szene. Das können wir gar nicht machen.“ Aber die Leute merken dann doch meistens schnell, dass das gar kein Widerspruch ist, sondern vielleicht gerade der Reiz.“

Aber trotzdem – zumindest bilde ich mir ein, das aus Deinen Worten heraus zu hören – bist Du mit der bisherigen Entwicklung des Adriano BaTolba Orchestras sehr zufrieden.

Auf jeden Fall! Ich bin sehr zufrieden. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell wachsen und bekannter werden. Auf unserer Tour Anfang 2012, da waren wir ja noch wenig bekannt. Das hätte auch in die Hose gehen können. Es ist schon scheiße, wenn man als Trio nur vor 15 Leuten spielt, aber wenn man mit 13 Leuten auf der Bühne steht und nur 15 davor, das ist dann noch einmal ein Stück blöder. Oder dass Wolverine Records auf uns zukam, wegen der Plattenproduktion, oder dass Veranstalter uns wieder buchen. Das sind zwar Kleinigkeiten, aber die zeigen schon, dass es den Leuten zu gefallen scheint. Wenn wir vor zwei Jahren noch in den Kinderschuhen gesteckt haben, sind wir jetzt in der Pubertät.

Und bald kommt ein neues Album?

Wenn alles klappt, könnte es nächstes Jahr dazukommen. Schauen wir mal.

Auf der beiliegenden Dynamite-CD ist ja auch ein Weihnachtssong von Dir mit drauf, den das Adriano BaTolba Orchestra gemeinsam mit den Silverettes aufgenommen hat. Wie kam es dazu?

Das ist auch wieder so eine Sache. Wir sind vor einiger Zeit beim Saarländischen Rundfunk aufgetreten und das scheint denen so gut gefallen zu haben, dass die im Dezember einen WeihnachtsSpecial mit uns gemacht haben. Also habe ich dafür einen Weihnachtssong geschrieben, und da ich zu der Zeit das neue Album der Silverettes produzierte, haben wir die Mädels mit ins Boot geholt.

Du hattest eingangs erwähnt, dass Du beim letzten Album von Peter Kraus den Titelsong „Für immer in Jeans“ geschrieben hast und auch mit ihm auf Tour warst. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit ihm?

Mit Peter arbeite ich schon seit 2005 zusammen. Kennengelernt hatte ich ihn damals auf einer Preisverleihung für die Dick Brave DVD, bei der er die Laudatio hielt. Nach der Laudatio nahm er mich zur Seite und fragte, ob ich nicht Lust hätte, auf seiner Tour zu spielen. Wir tranken dann im Anschluss an die Verleihung ein Bierchen zusammen und unterhielten uns. Am Schluss sagte er: „Ich melde mich.“ Im Musikbusiness ist das eine gerne verwendete Floskel, die oft genug nicht erfüllt wird. Doch bei Peter war das anders. Nach etwa einer Woche hat er wirklich angerufen. Persönlich. Sonst hast Du höchstens den Manager am Apparat. Nicht so bei Peter. Das war noch wirklich alte Schule. Das fand ich so cool, dass ich ja gesagt habe. Und seitdem bin ich mit dabei.

Und dann singt er Deinen Song.

Ja, das ist schon was. Der Mann hat 50 Jahre Showbusiness auf dem Buckel, hat schon so viele Songs geschrieben bekommen. Der singt nicht jeden Scheiß.

Als Produzent bist Du ja auch noch tätig. Die neuen Alben der Silverettes und der Firebirds hast Du produziert. In der Vergangenheit schon Platten mit Boppin B., Peggy Sugarhill oder den Baseballs aufgenommen. Was reizt Dich an der Tätigkeit des Produzenten?

Es macht Spaß! Es ist eine kreative Tätigkeit. Es ist einfach schön zu sehen, wie ein Album wächst, langsam Gestalt annimmt.

Und was machst Du lieber? Produzieren oder auf der Bühne stehen?

Beides hat seinen Reiz. Wenn ich wochenlang auf Tour war, freue ich mich, wieder im Studio zu sein. Und wenn ich dann dort zwei, drei Wochen saß, freue ich mich wieder auf der Bühne zu stehen. Schön, dass ich beides machen kann.

Adriano, vielen Dank für das Interview!

Das Interview ist in Dynamite Magazine 1/2014 erschienen

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