DER SINGENDE GUMMIBÄR

Bild: Arne Landwehr
Bild: Arne Landwehr

Profifußballer, die singen, erzeugen in der Regel Fremdscham. Sven Schimmel, bis zum Ende der zu Ende gegangenen Saison Außenverteidiger des SV Wehen-Wiesbaden, bildet eine wohltuende Ausnahme.

Samstagabend in einer Kellerkneipe dieser Stadt. Schummriges Licht, rauchverhangene Luft. Gläser klirren, Menschen plappern. Dann plötzlich Stille. Gusto, ein schmächtiger und schüchtern wirkender junger Mann, betritt mit seiner Gitarre die Bühne. Freundlicher Applaus. Dann legt er los. „Ich mache die Augen zu, höre nichts und bleibe stumm, Ich schalte auf Autopilot, heute denke ich an gar nichts“, singt er gefühlvoll und wird dafür vom Publikum mit begeistertem Applaus bedacht.

Gusto heißt eigentlich Sven Schimmel und war bis vor kurzem Außenverteidiger des SV Wehen-Wiesbaden. Er war Stammspieler der Mannschaft, die die abgelaufene Saison im oberen Tabellendrittel der 3. Liga beendet hat. Ihm wurde eine Zukunft in der 2. oder gar 1. Bundesliga zugetraut. Umso größer war die Überraschung, als er Anfang Mai das Ende seiner Profikarriere verkündete. Er will ab dem Wintersemester Kommunikationswissenschaften studieren und sich dann einem Regional- oder Oberligaklub anschließen.

Entscheidung fiel nicht leicht

„Fußball ist so schnelllebig. Was heute ist, kann morgen vorbei sein“, erklärt er. „Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ein weinendes Auge ist jedenfalls mit dabei, aber jetzt freue ich mich auf den neuen Lebensabschnitt“, sagt der sympathische Ex-Profifußballer, der im Gespräch so angenehm anders wirkt als die Lautsprecher, die man aus dem Fernsehen kennt. Wie schnelllebig es im Profifußball zugeht, hat der aus Reutlingen stammende Außenverteidiger am eigenen Leib gespürt. Er spielte einst beim VfB Stuttgart in der 2. Mannschaft, trainierte häufig bei den Bundesligaspielern mit und stand vor dem Sprung in den Profikader. Bis der damalige Trainer entlassen und er vom neuen Coach nicht mehr berücksichtigt wurde. Daraufhin wechselte er nach Wiesbaden.
Hat er dem Profifußball vielleicht den Rücken gekehrt, um in der Musik Karriere zu machen? „Nein, auf gar keinen Fall. Das ist in der Musik ja noch schwieriger als im Fußball“, sagt der 23-jährige. Wobei man sich das mit der Musikerkarriere durchaus vorstellen kann, wenn man seine gerade veröffentlichte CD „Unterwegs“ hört oder ihn live erlebt. Seine melancholischen, an Philipp Poisel erinnernden Songs wissen zu gefallen und haben so gar nichts gemein mit den akustischen Verbrechen, die Profifußballer wie Beckenbauer oder Podolski begangen haben.

Komplett andere Welt

Er habe auch nie Probleme gehabt, Musik und Fußball unter einen Hut zu bekommen. „Ich habe meine Auftritte immer so gelegt, dass sie keine Auswirkung auf meine Leistung haben“, erklärt Schimmel. Musik sei für ihn immer ein Hobby gewesen. Eine Form des Ausgleichs – auch vom Fußballer-Dasein: „Musik ist für mich eine komplett andere Welt.“ Er kenne genügend Profis, deren Leben nur um den Fußball kreist. Das wollte er nicht: „Bei der Musik kann ich abschalten und den Kopf freibekommen.“

Den Schritt vom Konsumenten zum Musiker vollzog er in der Oberstufe, als er in der Schulband zu singen begann. In Wiesbaden spielte er zunächst in einer Rockband, doch musikalisch habe es irgendwann nicht mehr gepasst. Er entschied sich, fortan solo mit eigenen Songs aufzutreten. Allerdings nicht mit seinem bürgerlichen Namen: „Ich wollte, dass die Leute wegen meiner Musik zu den Konzerten kommen, und nicht, weil ich Fußballprofi bin.“ Deshalb benannte er sich nach einer Figur der Zeichentrickserie „Die Gummibärenbande“, verrät er: „Die Serie habe ich als Kind immer gemocht und Gusto war darin meine Lieblingsfigur“ – übrigens auch ein Künstler.

Auf der Bühne im Schweinefuß stimmt Gusto seinen nächsten Song an. „Ich hinterlasse meine Spuren, das ist das Einzige, was bleibt, lauf nach meiner Karte und verliere keine Zeit“, schmettert er dem Publikum entgegen. Die Spuren hat er schon jetzt hinterlassen. Das Publikum wird ihm am Ende des Abends zum Gewinner des 2. Singerslams küren.

Ursprünglich erschienen im Sensor Magazin 6/2013

Bild: Arne Landwehr 

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