Der Sound der Krise

Bild: Powerhouse Museum CollectionVor fast 80 Jahren, 1929, brachen schon einmal die Börsen ein und markierten damit den Beginn einer Weltwirtschaftskrise, die die Welt in Atem hielt. Doch wie klang die Krise? Und wie klingt sie heute? Reflektiert Musik nicht auch immer die Zeit, in der sie entsteht? Eine historische Spurensuche.

Der Musikwissenschaftler Jürgen Arndt von der Universität Paderborn bezweifelt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Weltwirtschaftskrise von 1929 und der damaligen Musik gibt. Die Musik jener Jahre sei mehr durch die technischen Entwicklungen als durch die Krise geprägt worden. Als Beispiele nennt er das Aufkommen des Tonfilms und die Etablierung des Radios als Massenmedium. Die Erfindung des Mikrofons Mitte der 1920er Jahre ermöglichte es auch Sängern mit wenig ausgebildeter Stimme, in großen Sälen aufzutreten.

Arndt sieht zwei Tendenzen in der damaligen Musik: „Einmal die Hinwendung zu großen, glamourösen Ballettmustern, wie zum Beispiel in den Choreographien von Busby Berkeley in den Musicalfilmen ’42nd Street‘ oder ‚Gold  Diggers of 1933‘, und als gegenteiliges Pendant die ‚Crooner‘, mit ihren eher intim klingenden Liedern.“ Crooner wie Rudy Vallee, Russ Colombo, Bing Crosby und Gene Austin gehörten in den USA zu den beliebtesten Stars der 1920er und 1930er Jahre. Unter „Crooning“ wird ein bestimmter, sehr gefühlvoller und unaufdringlicher Gesangstil verstanden. Musikalisch untermalt wurde der Gesang von eingängigen Jazz, der damaligen Popmusik.

Das Radio etabliert sich

Durch die Wirtschaftskrise (und die seit 1920 bestehende Prohibition) mussten viele Jazzclubs schließen, da vielen Bürgern das Geld, und wohl auch die Muße, fehlte, abends auszugehen. Das Radiohören am heimischen Empfänger wurde dadurch immer beliebter. Die „süße“ Musik der Crooner war wie gemacht für das damals rein kommerzielle Radio. „Die Radiomusik musste auch damals kurz und einprägsam sein und möglichst aus anderen Unterhaltungskontexten bekannt sein, zum Beispiel aus Broadway- oder Hollywood-Musicals“, erläutert Knut Holtsträter von der Universität Bayreuth.

Kritische Lieder in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik ließ sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Hier übernahmen viele Schlagersänger, wie Rudi Schuricke, die Comedian Harmonists oder Curt Bois den Gesangsstil der Crooner. „Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der neuen Unterhaltungsmusik der Crooner und der Weltwirtschaftskrise lässt sich jedoch nicht feststellen“, merkt Holtsträter an. Nur vereinzelt trat dieser auf: In Liedern, die explizit die Weltwirtschaftskrise thematisierten. So zum Beispiel in Max Hansens 1930 veröffentlichtem Couplet „Ich red‘ mir ein, es geht mir gut“, dessen Liedzeile „Über uns’rem Volke schwebt ’ne schwarze Wolke, die man Pleite nennt“ auch gut zum aktuellen Weltgeschehen passen würde.

Dennoch, der Sound der Großen Depression, war gefühlvoll, romantisch und süß: Allein dadurch, dass in den Radios meist die Lieder der Crooner und Schlagersänger liefen und den Hörern damit Ablenkung vor der düsteren Realität der Weltwirtschaftskrise boten.

Wissenschaftlicher Nachweis

Das deckt sich mit den Forschungsergebnissen der beiden amerikanischen Sozialpsychologen Terry Pettijohn und Donald Sacco. Diese haben herausgefunden, dass in wirtschaftlichen Krisenzeiten vor allem Lieder erfolgreich seien, die langsam, bedeutungsschwer und romantisch sind. Die beiden Wissenschaftler haben untersucht, in welcher Beziehung die Nummer-Eins-Hits der amerikanischen Billboardcharts zur wirtschaftlichen Stimmung in den USA stehen. Der Zusammenhang zwischen dem Charakter der Lieder und der jeweiligen ökonomischen Situation sei signifikant, behaupten die beiden Sozialpsychologen der Universität Carolina.

Und heute?

Knut Holtsträter ist skeptisch, ob sich heutzutage noch einmal ein solch süßer Musikstil als Sound der Krise herausbilden wird: „Die Diversifikation der Jugendkulturen und ihrer Musikstile ist sicher ein Faktor, der gegen einen allgemeinen Musiktrend spricht. Zudem ist die Mediennutzung vielfältiger geworden, die Möglichkeiten, an ’seine‘ Musik zu gelangen, ist ja ungleich größer als vor 80 Jahren.“ Auch Jürgen Arndt glaubt nicht daran, dass eine bestimmte Musikrichtung wegen der Wirtschaftskrise den Zeitgeist bestimmen wird: „Es gibt doch schon alles. Wenn ich depressive Musik will, weil mich die Krise so niederschlägt, bekomme ich die ganz leicht. Ebenso fröhliche Musik, wenn ich den Alltag vergessen will. Den Musikstil der Krise wird es nicht geben.“

Der Soundtrack zur Weltwirtschaftskrise wird also vielleicht Deichkinds „Arbeit nervt“, Rosenstolz‘ „Gib mir Sonne“ oder Katy Perrys „Hot’n’Cold“ sein, vielleicht aber auch ein völlig anderer – ganz dem persönlichen Geschmack entsprechend.

Erschienen am 23.01.2009 auf ARD.de

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