FALK FATAL besucht die Jugend

FalkFatal-260x312Der Kicker war ne Wucht. Das Holz von Aufklebern übersäht, die Griffstangen klemmten und die Spieler waren mit Edding verschmiert. Ganz zu schweigen von dem einstmal grünen Spielfeld. Das war von schwarzer Aschekruste überzogen. Unzählige Bierpfützen und Kippenasche hatten ihre Spuren hinterlassen. Kein Ball rollte so, wie er normal gelaufen wäre. Manchmal nahm er eine unerwartete Wendung, manchmal verendete er mitten auf dem Feld. Dieser Tisch war nur etwas für Menschen, die sonst keinen anderen Kicker kannten. Das merkten besonders die Profispieler mit ihren extra griffigen Handschuhen, die versuchten, unserem angetrunkenen Haufen eine Lektion zu erteilen und dabei regelmäßig ihr Cordoba erlebten.

Genauso heruntergekommen war der Gewöblekeller in dem der Kicker stand. Der Putz bröckelte von den Wänden. Das Licht war schummrig. Die Luft rauchverhangen. Das Flaschenbier wurde über ein Brett gereicht, dass zwischen zwei Pfeilern montiert war. Und immerzu dröhnte Heavy Metal in einer Lautstärke aus den Boxen, die eine gepflegte Unterhaltung über den tendenziellen Fall der Profitrate oder die jüngste Schutzschwalbe Andy Möllers unmöglich machte. Das war aber nicht schlimm. Wir hatten anderes im Sinn als gepflegt zu parlieren. So war das vor 15, 16 Jahren im Gnoom in Rüdesheim. Dem einzigen Zufluchtsort für alle jugendlichen Schluckspechte, die auch nach 24 Uhr noch irgendwo trinken wollten in einer Umgebung, in der nicht Dr.Alban, Whigfield oder 2Unlimited lief. Dafür nahm man auch Heavy Metal in Kauf.

Wer sich heutzutage darüber beschwert, dass in Wiesbaden die Bürgersteige so früh hochklappen, hat seine Jugend nicht im Rheingau verbracht. Coole Kneipen? Bis auf das Perron – Fehlanzeige! Kneipen, die nach 1 Uhr offen haben? Nada! Meist blieb nur die Nachtanke oder halt das Gnoom.

Und so zog uns dieses Kellerloch Woche für Woche an, wie ein Haufen Scheiße die Schmeißfliegen. Ob man alleine kam oder in einer Gruppe, war egal. Einen Zechkumpan fand man immer.

Vor ein paar Jahren war ich wieder einmal da. Meine Vorfreude war groß. Warum, weiß ich nicht mehr. Vielleicht hatte ich gehofft, die verschütteten Teile meiner Jugend wieder zu treffen. Vielleicht hatte ich auch nur geglaubt eine kleine Zeitreise zurück genießen zu können. Meine Enttäuschung war groß als ich schließlich wieder im Gnoom stand. Die Wände waren weiß gestrichen, die Tische sauber. Selbst der Kicker war neu und wie aus dem Ei gepellt. Immerhin: Die Herrentoilette hatte die Zeit überdauert. Und rechts oben, neben dem Spiegel stand noch immer der Name meiner damaligen Band, den ich damals mit Kugelschreiber hingekritzelt hatte. Ein Fitzel meiner Jugend, der nicht überstrichen worden war. Ich muss mal wieder dort hin. Mal schauen, ob der Schriftzug noch immer da steht.

Erschienen in Sensor Wiesbaden #18

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