FALK FATAL fährt Citybahn

Neulich bin ich mal wieder eine längere Strecke mit dem Bus durch die Stadt gefahren. Am Dürerplatz stieg ich in die Linie 1 ein und fuhr bis zur Röderstraße. Laut Fahrplan braucht der Bus dafür 21 Minuten. An jenem Mittwoch zur Mittagszeit war der Bus fast doppelt so lange unterwegs. Dem Busfahrer kann man keinen Vorwurf machen. Er blieb an den Haltestellen nicht länger als nötig stehen und hatte auch sonst sein Gefährt gut im Griff. Baustellen gab es auf der Strecke ebenfalls keine – außer der Fahrbahnverengung an der Ecke Wilhelmstraße/Burgstraße. Der Grund für die lange Fahrt: die Straßen waren einfach dicht. Pkw reihte sich an Pkw reihte sich an Pkw. Die Blechkolone schleppte sich im Schritttempo durch die Stadt. Gewiss, diese Fahrt mag nicht repräsentativ gewesen sein. Doch auf anderen Strecken habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Und es ist ja auch kein Geheimnis, dass die Pkw-Dichte in Wiesbaden sehr hoch ist.

Während ich so im Bus saß, fiel mir meine letztjährige Dezember-Kolumne wieder ein. Darin wünschte ich mir eine andere Verkehrspolitik. Ein Jahr später scheint diese möglich zu sein. Die Stadt plant den Bau einer Straßenbahn, die von der Theodor-Heuss-Brücke bis zur Hochschule Rhein-Main führt, sowie den Umstieg auf Elektrobusse im öffentlichen Nahverkehr. Beides soll helfen, Verkehrsdichte und Schadstoff-Emissionen zu reduzieren.

Es ist klar, dass ein Riesenprojekt, wie der Bau einer Straßenbahn, keine Begeisterungsstürme auslöst wie Mario Götzes goldener Schuss im Maracana. Ach, was schreibe ich hier Begeisterung. In manchen Bevölkerungsteilen ist die Citybahn, wie die Straßenbahn im offiziellen Sprech genannt wird, so beliebt wie Angela Merkel beim AfD-Stammtisch.

Vermutlich haben die Kritiker sogar Recht, Bau und Umrüsten werden teurer als veranschlagt. Vielleicht sinken Verkehrsdichte und Umrüsten weniger als erhofft. Aber was sollen die Alternativen sein? Mehr Busse? Schwer vorstellbar. Das Busnetz scheint schon jetzt an seine Kapazitätsgrenze zu stoßen. Weitere Ideen? So wirklich habe ich keine vernommen. Nur manchmal den Hinweis, die Zukunft, mit all ihren Versprechungen, werde es schon richten.

Nicht zu vergessen: Wiesbaden ist eine wachsende Stadt. Die Bevölkerung ist in den vergangenen 20 Jahren um 20.000 auf knapp 290.000 Einwohner gewachsen. Jeder zweite von ihnen hat ein Auto. Und ein Ende der Landflucht ist nicht in Sicht. Es wird auf den Straßen also noch enger werden, wenn nicht jetzt etwas getan wird.

Also liebe Citybahn-Gegner. Wie sieht euer Gegenvorschlag aus? Wie soll eine zukunftsfähige und ökologische Mobilität in Wiesbaden aussehen? Wie sieht eure Vision für den städtischen Verkehr der Zukunft aus? Ich freue mich auf Vorschläge!

Erschienen im Sensor Wiesbaden # 60

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