FALK FATAL und der Kuckucksuhrschwindel

FalkFatal-260x312Vor einiger Zeit bekam ich eine Urlaubskarte zugeschickt. Ich weiß nicht, ob die jüngeren Leser diese MMS der analogen Welt noch kennen. Gewöhnlich zierten Strände, Berge oder irgendwelche Sehenswürdigkeiten die Vorderseite der Karte, die Rückseite enthielt einen kurzen Gruß. Etwa: “Der Urlaub ist schön. Uns geht es gut. Liebe Grüße.” Umso überraschter war ich, neulich solch ein Relikt einer vergegangenen Zeit in meinem Briefkasten zu finden. Die Vorderseite zeigte ein Fachwerkhaus mit einem großen Zifferblatt. Die grüne Wiese davor bevölkerten Menschen in komischen Trachten. Absender war ein guter Freund vor mir aus dem hohen Norden, dem ich vor einigen Jahren einmal Unterschlupf in meinem bescheidenen Domizil gewährt hatte. Die genauen Umstände seiner Flucht tun hier nichts zur Sache.

Wie es sich als guter Gastgeber gehört, zeigte ich dem damals noch jungen Mann die Sehenswürdigkeiten unserer geliebten Landeshauptstadt und damit natürlich auch die Kuckucksuhr. Diese steht seit 1953 vor dem Souvenirladen an der Burgstraße. Davor kuckuckte es seit 1946 jede halbe Stunde in Spuckweite von seinem heutigen Standort am Kaiser-Friedrich-Platz vor dem Nassauer Hof. Warum Emil Kronenberger, der Gründer des Souvenierladens, gerade eine überdimensionierter Kuckucksuhr in die Fensterfront seines Ladens platzierte, wissen nicht einmal Historiker. Es wird vermutet, dass die Uhr als Werbegag gedacht war, um Kunden in den Laden zu locken. Irgendwer verlieh der Uhr schließlich den Titel: “Größte Kuckucksuhr der Welt”.

Keine Frage, dass mein Flüchtling diese Uhr sehen musste. So etwas sieht man ja nicht alle Tage. Wir machten also ein Erinnerungsfoto und ich dachte, damit wäre die Sache erledigt.

Bis ich diese Postkarte in meinem Briefkasten fand. Ich muss den damals jungen Mann wohl nachhaltig verstört haben. Er schrieb etwas von “Scham”, von “Lüge” und “jetzt wird der Schwindel aufgedeckt”. Denn was ich zunächst als Fachwerkhaus abtat, entpuppte sich beim Wenden der Karte als erste weltgrößte funktionierende “Original Schwarzwälder Kuckucksuhr”. Zumindest war das dort aufgedruckt.

Der Jüngling, für den ich einst Fluchthelfer spielte, wollte mich doch tatsächlich der Lüge bezichtigen. Er glaubte doch wirklich im Schwarzwald die Wahrheit gefunden zu haben. Er hatte Recht. Die größte Kuckucksuhr der Welt steht nicht in Wiesbaden. Aber auch nicht in Schonach, wo laut seiner Karte die größte Kuckucksuhr der Welt steht. Die steht in Triberg. Sagt das Guiness Buch der Rekorde. Doch Wahrheit lässt sich verbergen. Was würde Roland Pofalla machen, fragte ich mich. Dann verbrannte ich die Karte. Niemand würde den Schwindel erfahren.

Mein Freund beendete seine Klageschrift übrigens mit den Worten: “Du Hundsfott, du Elendiger.” Dem ist nichts hinzuzufügen.

 Erschienen im Sensor Wiesbaden 16/2013

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