FALK FATAL wünscht sich mehr Differenziertheit

FalkFatal-260x312Es ist schon merkwürdig, dass wir in einer Zeit, in der alle möglichst individuell sein wollen, über bestimmte Bevölkerungsgruppen sprechen, als handle es sich bei ihnen um einen monolithischen Block. Wir sprechen gerne von den Muslimen, vergessen dabei ganz oft, dass es sich dabei um einen deutschen Fußball-Weltmeister handelt. Oder um einen Literaturwissenschaftler in Kairo, um einen Banker in Kuala Lumpur, um einen nigerianischen Ölarbeiter im Nigerdelta oder um einen Gemüsehändler in Marseille.

Wir vergessen dabei auch gerne, dass es DEN Muslim, nicht gibt. Wir vergessen oft ihre kulturellen und landesspezifischen Prägungen und Sozialisationen. Irgendwie gehen wir in der öffentlichen Rede immer davon aus, dass alle, die potenziell muslimischen Glaubens sein könnten, auch bis in die Haarspitzen gläubig sind. Sind sie aber nicht. So kommt die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zu dem Ergebnis, dass der überwiegende Teil der in Deutschland lebenden Muslime sich zwar als gläubig bezeichnet. Aber immerhin knapp ein Sechstel sieht sich als nicht oder wenig gläubig.

Wir vergessen auch gerne, dass ihre Religion selbst kein einheitliches Gebilde ist, sondern viele verschiedene Richtungen aufweist, die sich in ihren religiösen und politischen Inhalten und Lehren unterscheiden. Wir vergessen gerne, das es Schiiten, das es Sunniten, das es Aleviten gibt – nur um ein paar zu nennen –, die sich alle wiederum nochmals in verschiedene Strömungen unterteilen – ganz so wie das Christentum, das auch aus mehr als der katholischen Kirche besteht. Und ja, es gibt die wahnsinnigen Salafisten. Aber genügend Wahnsinnige gibt es auch im Christentum. Anders Breivik zum Beispiel, der im Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete und bekennender Christ ist. Auch der Ku Klux Klan fackelt bei seinen Versammlungen das Holzkreuz nicht ohne Grund ab. Die Rassisten verstehen sich als radikale protestantische Organisation.

Und wenn wir von Muslimen fordern, sie sollen sich öffentlich vom Terrorismus distanzieren, vergessen wir sehr häufig, dass es deutlich mehr Muslime als Christen sind, die in Syrien und im Irak gegen den IS oder in Nigeria gegen Boko Haram kämpfen.

Nur um eins klarzustellen. Ich bin kein Freund von Religionen. Ich glaube an keinen Gott. Von mir aus soll jeder an Gott, an Allah, an Jahwe, Krishna oder das fliegende Spaghettimonster glauben können, solange Anders- oder Nichtgläubige damit nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber wenn wir schon über Religionen reden, dann doch bitte differenziert und nicht so pauschal und oberflächlich, wie wir es sonst so gerne tun.

Erschienen im Sensor Wiesbaden April 2015

4 comments

  1. Ben

    Hallo, lehrbeauftragter Falk aus dem Hinterhaus,
    mit der fatalen Neigung zu Wortfülle und Belehrungen.
    In „Wünscht sich mehr Differenziertheit“ schaffst Du es, in 2 Spalten 4 Mal anzuklagen, dass „Wir gerne und sehr häufig etwas Wichtiges vergessen“. Du gefällst Dir in der Rolle des Lehrers, der nimmermüde mit dem erhobenen Finger auf die Fehler der Anderen zeigt?
    Weißt Du, wie man Leute Deiner Berufung früher nannte? Blockwart. Oder auch nur: Hausmeister. Der, der sich aus dem Fenster lehnt und ständig ruft: „Da können Sie nicht Parken!“
    Die Deiner Meinung nach „vergessen“ haben, sind in prominenter Gesellschaft: Marx und Engels zB., deren Werke viele Linke nie gelesen haben. In den 1961 am Institut für Marxismus-Leninismus herausgegebenen gesammelten Werken von Marx und Engels heißt es auf Seite 170 ff:
    »Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geografie und Ethnografie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.«
    Wenn wir Sprachregelungen an den Zeitgeist anpassen und Kinderbücher politisch korrekt umschreiben, dann jetzt bitte auch die Werke von Marx und Engels modifizieren. Vielleicht wäre das eine Aufgabe für Dich, Falk. Oder mal nachdenken, was Marx und Engels gemeint haben könnten.
    Gruß ins Westend
    Ben House

    • Falk Sinß

      Hallo Ben,
      ich verstehe zwar nicht ganz, warum Du in einer Aufzählung von Fakten eine Belehrung siehst, aber trotzdem schön, dass Du meine Kolumne gelesen hast. Und nein, ich gefalle mir nicht in der Rolle des Lehrers und sehe mich auch nicht in dieser. Mir wäre es definitiv lieber, wenn ich solche Zeilen nicht schreiben müsste und wir differenzierter und mit mehr Tiefgang über diese Themen reden würden. Was das jetzt mit einem Blockwart (Du weißt ja bestimmt, woher der Begriff stammt und der hier Fehl am Platze ist?) zu tun hat oder einem Menschen, der Falschparkern hinterherruft, dass sie hier nicht parken dürfen, verstehe ich nicht.
      Genauso wenig, was Marx und Engels mit meiner Kolumne zu tun haben. Ich habe viele ihrer Werke gelesen und weiß daher, dass auch die beiden nicht immer recht hatten. Im Übrigen urteilten sie über das Christentum auch nicht besser und räumten der Kritik an diesem, deutlich mehr Platz ein als einer Kritik am Islam. Marx und Engels kritisierten die Religion per se, sie also nur als Islamkritiker hier anzuführen, wird Ihrer Kritik nicht gerecht. Dir ist beim Lesen der Kolumne sicher auch nicht entgangen, dass ich mit Religion nichts am Hut habe und an keinen Gott glaube. Ich kann mir also gut vorstellen, was sie gemeint haben könnten.

  2. Ben

    Hallo Falk,
    gut, dass Du nachfragst. Den Atheisten im Kolumnisten sehe ich wohl – allein, mir fehlt die Umsetzung.
    Es geht in Deinem Artikel um die Kritik an der Wahrnehmung der Religion der Muslime als „Monolithischen Block“. Anhand einiger von Dir handverlesener Fakten versuchst Du, Vorwürfe zu definieren, die sich mahnend an Jene richten, deren Denken Du merkwürdig findest, weil sie Deiner Meinung nach so vieles vergessen bei der Behandlung des Themas. Da spricht der Lehrer 🙂

    Jene Anführungen, die Du zu Fakten ernannt hast, können das Thema Islam nicht beleuchten, weil sie vorwiegend der Ablenkung und der zeitgenössischen Egalisierung des Themas dienen. Von daher fungiert Deine Rolle Falk Fatal meinem Eindruck nach als moderne Version eines „bunten Predigers“ und „Gesinnungsmahners“. Der heutige „online-Blockwart“ hat als Basis ein freiwilliges, absolutes und politisches Sendungsbedürfnis mit seinem Urbild gemein. Da ich natürlich um die negative Konnotation des Wortes weiß, nenne ich Deine Kolumne mit Verlaub eine online-Hausmeisterei 🙂
    Zu Deinen Fakten:
    Das knappe Sechstel der wenig bis nicht gläubigen Muslime sieht sich seitens ihrer streng gläubigen Brüder zunehmenden Repressionen und Bedrohungen ausgesetzt. Sie halten sich mit öffentlicher Meinungsäußerung sehr zurück und haben in der Umma wenig bis garkeinen Einfluss.
    Ob ein Überfall-Kommando aus schiitischen oder sunnitischen Kriegern besteht, kann den Opfern letztlich egal sein. Das Differenzieren können wir den Religionswissenschaftlern überlassen – die zudem je nach eigener Zugehörigkeit zu teils vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Tatsache aber ist, dass sich in den Flüchtlingslagern oft genug Täter und Opfer wieder begegnen.
    Wir haben wenig Einfluss darauf, welche Glaubensrichtung gerade weltweiten Zulauf erhält, müssen mit den daraus entstehenden Folgen aber rechnen und einen Umgang finden, mit dem wir uns schützen können.
    Salafisten sind nicht wahnsinnig im medizinischen Sinn, aber sie leben in einem geschlossenen Weltbild voller Hass und Gewalt gegen Andersgläubige und Sie glauben, den einzig rechten Weg zu gehen. Gäbe es irgendwo auf der Welt eine Sekte oder kirchliche Abspaltung, die auch nur im Entferntesten derart marodierend durch die Welt ziehen würde, dann wüssten wir davon! Meines Wissens nach hat die sogenannte westliche Welt seit dem 30-jährigen Krieg keine innerreligiösen Feldzüge mehr begangen. Die innerislamischen Kriege scheinen aber in unserer Zeit eben erst zu beginnen.

    • Falk Sinß

      Hallo Ben,
      es tut mir leid, ich kann deiner Definition von einem Lehrer immer noch nicht ganz folgen. Du scheinst ein merkwürdiges Bild von Lehrern zu haben. Klar, ich übe Kritik. Nehme mich dabei aber nicht aus. Und das ich meine Kritik nur mit einigen Fakten untermauert habe, ist dem Platz geschuldet, der für jede Kolumne auf eine feste Zeichenzahl begrenzt ist. Ich hätte da noch einige Punkte mehr nennen können.
      Du wirfst mir vor, meine Fakten könnten den Islam nicht beleuchten. Das stimmt. Aber sie wollen auch gar nicht den Islam beleuchten, sondern nur darauf hinweisen, dass in der öffentlichen Diskussion über den Islam häufig sehr undifferenziert gesprochen wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Von daher zielt auch Dein Vorwurf, ich würde hier ablenken und etwas egalisieren ins Leere. Das Gegenteil ist der Fall. Ich möchte die Diskussion versachlichen.
      Dann schreibst, ich wäre Deinem Eindruck nach ein bunter Prediger und Gesinnungsmahner. Wenn das Dein Eindruck ist, kann ich es nicht ändern. Trotzdem interessant, wie Du darauf kommst. Und warum ich ein Online-Blockwart sein soll, erschließt sich mir immer noch nicht. Du hast recht, ich habe ein Sendungsbewusstsein. Aber in meinem Job als Journalist brauche ich das auch. Journalismus ohne Sendungsbewusstsein funktioniert nicht. Hinzu kommt, dass diese Kolumne für den Sensor Wiesbaden, ein Magazin, das in Wiesbaden erhältlich ist, geschrieben wird. Das Magazin erscheint zehnmal im Jahr, also erscheint auch die Kolumne zehnmal im Jahr. Ich habe also in der Rolle des Falk Fatals zehnmal im Jahr auch einen Sendungsauftrag. So viel also zur Freiwilligkeit.
      Nach deiner Definition müsstest doch eher Du der Online-Blockwart oder Hausmeister sein? Oder habe ich das falsch verstanden? Hast nicht Du ein freiwilliges, absolutes und politisches Sendungsbewusstsein, das meine Gesinnung anmahnt und anhand handverlesener Sätze, Vorwürfe an mich definiert? Und das alles, weil mein Artikel anscheinend Deiner Meinung zuwiderläuft.
      Zu dem Sechstel der wenig bis nicht gläubigen Muslime (hierbei habe ich mich leider undifferenziert ausgedrückt, weil die Nichtgläubigen sind ja keine Muslime mehr): Das diese in Deutschland nennenswerten Bedrohungen und Repressionen von strenggläubigen Muslimen ausgesetzt sind, (und von nichts anderem habe ich in der Kolumne geschrieben) ist mir neu. Ich möchte gar nicht ausschließen, dass das in Einzelfällen passiert. Wenn das wirklich massenhaft in Deutschland passieren sollte, lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Oder meinst Du Islamkritiker? Klar, da gibt es einige, die bedroht werden. Aber wirklich neu ist das auch nicht (was es nicht besser macht).
      Ich gehe mal davon aus, dass Du mit der Umma die religiöse Gemeinschaft der Muslime meinst. Das wenig-gläubige oder Nicht-Muslime nur einen geringen oder gar keinen Einfluss darin haben, ist irgendwie nicht verwunderlich, oder? Ich habe als Atheist auch keinen Einfluss in der Deutschen Bischofskonferenz oder der Konklave.
      In dem Punkt, dass es Gewaltopfern erst einmal egal ist, ob sie von Schiiten, Sunniten, Katholiken oder Atheisten überfallen worden sind, gebe ich Dir recht. Ich bin mir aber sicher, dass die Opfer sich schon recht bald dafür interessieren, wer die Täter sind. Und selbst wenn es ihnen egal sein sollte, ist es für alle anderen gut zu wissen, wer die Täter sind. Vielleicht um sie zu ermitteln und zu bestrafen, vielleicht um sich das nächste Mal besser schützen zu können und nicht die falschen Menschen zu als Täter zu verurteilen. Oder was man machen kann, das solche Taten erst gar nicht passieren.
      Ich habe lediglich dargestellt, dass es innerhalb des Islams verschiedene Glaubensrichtungen und Strömungen gibt – ähnlich wie im Christentum, wo auch mindestens zwischen Katholiken, Protestanten, griechisch-orthodoxen und russisch-orthodoxen Christen unterschieden wird.
      Und Du sprichst ja auch von Salafisten, um dich besser schützen zu können (vor was eigentlich? der Islamisierung des Abendlands?). Und nicht allgemein von Muslimen. Also differenzierst Du in diesem Punkt ja auch. Und zum Weltbild: Jede Religion liefert irgendwo ein geschlossenes Weltbild – egal, ob das jetzt der Islam oder das Christentum ist. Und der Glaube an etwas nicht-existierendes wie Gott oder ein Leben nach dem Tod, trägt meiner Meinung schon einen Hauch Wahnsinn in sich – selbst wenn das in einem medizinischen Sinne nicht ganz korrekt dargestellt sein sollte.
      Dass die westliche Welt seit dem 30-jährigen Krieg keinen innerreligiösen Feldzug mehr hatte, stimmt. Aber innereuropäische Kriege oder Konflikte, in denen Religion eine Rolle gespielt hat, gab es sehr wohl. Dafür reicht ein Blick ein Nordirland, wo die Religion zwar nicht der alleinige Grund für den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten ist, aber eben doch einer Gründe, warum der Frieden trotz Karfreitagsabkommen immer noch sehr brüchig ist.

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