FALK FATAL wünscht sich mehr Empirie

FalkFatal-260x312In den sozialen Netzwerken bewege ich mich gerne in lokalen Facebook-Gruppen und lese, was meine Mitmenschen bewegt. In jüngster Zeit frage ich mich allerdings immer öfter, ob ich in der selben Stadt wie viele der Kommentatoren lebe? Kaum postet jemand einen Artikel über einen Überfall oder Körperverletzung in Wiesbaden, liest man Sätze wie: „Hier ist es nicht mehr sicher.“ Oder: „Nach Einbruch der Dunkelheit, traue ich mich nicht mehr auf die Straße.“ Ich frage mich dann immer: Reden die wirklich über Wiesbaden und nicht über Kapstadt oder Caracas?

Sicher, das persönliche Sicherheitsempfinden muss nicht der reellen Sicherheitslage entsprechen. Besonders wenn man selbst Opfer solch einer Straftat war. Ich bin Anfang der 2000er Jahre an der Ecke Schiersteiner Straße/Adelheidstraße von zwei Deutschen zusammengeschlagen worden.Viel schlimmer als die aufgeplatzte Lippe und das ramponierte Nasenbein war das diffuse Bedrohungsgefühl, das ich die nächsten Wochen vor allem abends und nachts hatte. [Jetzt auch hörbar als Audiotrack. Einfach ans Ende des Beitrags scrollen.]

Das ging glücklicherweise vorbei und seitdem ist mir auch nichts Vergleichbares mehr widerfahren. Deshalb aus eigener Erfahrung: Empathie für die Opfer, Wut auf die Täter, aber bitte keine Hysterie und Panikmache. Denn wer sich einmal mal die Mühe macht und sich mit den aktuellsten Kriminalitätszahlen befasst, stellt schnell fest: Wir leben immer noch im vergleichsweise beschaulichen Wiesbaden und nicht in Kapstadt oder Caracas, nicht einmal in Frankfurt oder Berlin.

Zwar hat 2015 die Zahl der Straftaten insgesamt leicht zugenommen, was vor allem an einer starken Zunahme von Einbruchs- sowie Vermögens- und Fälschungsdelikten liegt. Aber betrachten wir die in diesem Zusammenhang viel interessantere Straßenkriminalität, unter der die für Wiesbaden zuständige Polizei Westhessen Sexual- und Raubdelikte, gefährliche und schwere Körperverletzung, Diebstahl im öffentlichen Raum sowie Sachbeschädigung zusammengefasst hat. Hier gab es 2015 einen signifikanten Rückgang der Straftaten um 464 auf 4.728. Das ist die niedrigste Fallzahl seit 20 Jahren! Auch wenn man die Straßenkriminalität je nach Deliktart betrachtet,sieht man jeweils einen zum Teil signifikanten Rückgang. Das Konzept „Sichere Innenstadt/Kulturpark“ der Wiesbadener Polizei scheint Früchte zu tragen.

Wer sich also früher auf die Straße getraut hat, kann das heute erst recht tun. Warum also die Hysterie? Wer sich wirklich für die Sicherheit in dieser Stadt interessiert, sollte auch die Fakten anerkennen und sich nicht von diffusen Gefühlen leiten lassen. Ja: Jede Straftat ist eine zu viel. Aber: Wir leben in einer vergleichsweise sicheren Stadt. Deshalb: Bitte wieder mehr Empirie statt Gefühl im öffentlichen Diskurs. Danke!

Erschienen im Sensor Wiesbaden #46

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