FALK FATALS BINSENWEISHEITEN ÜBER DIE ZEIT

FalkFatal-260x312Wir leben in einer irren Zeit. Es scheint als drehe sich die Erde immer schneller. Gestern Brüssel, heute Böhmermann. Vorgestern haben wir uns über den Wahlerfolg der Alternative für Doofe aufgeregt, vorvorgestern über die neue Straßenreinigungssatzung und die Erhöhung der Hundesteuer. Und zwischen Je suis Böhmi und je suis Bruxelles waren unter anderem noch ein Erdbeben in Japan, die Panama Papers und der V-Mann, der von nichts wusste, und der den untergetauchten Uwe Mundlos und Beate Zschäpe einen Job gab – was direkt zu der Frage führt: Für was brauchen wir noch diesen Verfassungsschutz? Entweder ist er total unfähig oder er steckt mit dem NSU irgendwie unter einer Decke. Beides spricht nicht für den Verfassungsschutz.

Doch zurück zur Zeit. Die rast an uns vorbei. Wenn diese Kolumne gedruckt worden ist, wird sich die Aufregungsspirale längst um ein neues Thema drehen. Man kommt kaum noch mit. Wer wirklich versucht alles aufmerksam zu verfolgen, läuft Gefahr schwindelig zurückzubleiben. Zumindest wirkt es so dank der Filter-Bubble, die wir uns mit Facebook, Twitter, Snapchat und WhatsApp kreiiert haben. Ich bin vor einigen Tagen 37 Jahre alt geworden. Ich kenne noch die Zeit, wo nicht jeder Privatfernsehen empfangen konnte und Telefone Wählscheiben hatten. Damals gab es morgens die Zeitung mit den Nachrichten von gestern, abends die Tagesschau und manchmal Radio. Man war noch nicht in Echtzeit dabei, wenn etwas passierte – außer man war wirklich dabei. Es fühlte sich weniger hektisch an – auch wenn ältere Menschen schon damals über zu viel Hektik klagten.

Ich weiß nicht was besser ist: das Heute oder das Gestern. Ich weiß nur, dass ich das Jetzt lieber mag als das gestern – so schlimm es jetzt auch sein mag. Denn so toll war es früher auch nicht. Es war nicht besser, es war nur anders. Das Gefühl, dass die Gegenwart hektischer, schneller und schlimmer als die Vergangenheit ist, hatten die Menschen zu aller Zeit. Man neigt dazu die schönen Erlebnisse in der eigenen Erinnerung zu überhöhen und die Schlechten in etwas Gutes umzudeuten. Dabei waren die guten Dinge einfach nur gut und die Schlechten einfach schlecht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

So wie es war, wird es nie wieder werden. Die good old times werden nicht zurückkommen. Es bringt also nichts zu versuchen, die Zeit zurückzudrehen. Dann bleibe ich doch lieber im Jetzt und koste die guten Dinge bis zum geht nicht mehr aus. Die schlimmen Dinge werde ich schon durchstehen. Und wenn ich dann irgendwann in meinem Ohrensessel vor dem Kamin sitze, werde ich sie sowieso ausschmücken und in etwas Gutes umdeuten.

Erschienen in Sensor Wiesbaden #43

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