Folklore wird gut!

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Bild: falk Sinß

Vor einigen  Tagen ist die neue Ausgabe des Sensor Wiesbaden erschienen und mit ihm mein Artikel über Folklore 014. Bei meiner Recherche für den Artikel habe ich mit vielen Leuten gesprochen. Eine Frage, die ich allen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gestellt habe, war: „Was hälst Du davon, dass Folklore dieses Jahr nur in abgespeckter Variante stattfinden wird?“ Natürlich wurde die Frage von den Menschen, mit denen ich mich über Folklore unterhielt, auch mir gestellt. Eine Antwort musste ich meist schuldig bleiben, da ich mir erst ein umfassendes Bild davon machen wollte. Das habe ich jetzt. Hier meine Antwort.

Folklore findet dieses Jahr in abgespeckter Variante statt. Statt wie bisher an drei Tagen, wird das Festival nur zwei Tage stattfinden: freitags und samstags. Dafür kostet es keinen Eintritt. Nächstes Jahr soll Folklore dann wieder drei Tage dauern, dafür aber mit höheren Eintrittspreisen als im vergangenen Jahr.

Ich kann damit gut leben. Ich freue mich sogar auf die abgespeckte Variante. Dass mit deutlich reduziertem Budget natürlich nicht die Masse an bekannten Bands bei Folklore spielen werden, wie in den vergangenen Jahren, ist klar. Aber das stört mich nicht wirklich. Die meisten der Topacts der vergangenen Jahre haben mich sowieso nicht sonderlich interessiert. Von daher hält sich meine Trauer, dass nicht Cro, Materia oder Turbostaat spielen, in Grenzen.

Man kann auch mit kleinem Budget großartige Künstler und Bands buchen. Dass der Schlachthof das kann, hat man in den vergangenen Jahren zuhauf gesehen. Die Zahl der Bands, die im Schlachthof gespielt haben, als sie noch Insidertipps waren und die später populär geworden sind, ist groß. Als Beispiel seien Tokio Hotel genannt, die 2005 kurz vor ihrem Durchbruch damals noch als unbekannte Band auf dem Schools Out im Kleinfeldchen gespielt haben. Oder The Hives, die heute die große Halle problemlos füllen und längst im Mainstream angekommen sind, konnte man vor dem Durchbruch für kleines Geld in der Räucherkammer sehen. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Um das Line-Up muss man sich also keine großen Sorgen machen. Und die ersten Ankündigungen scheinen das ja zu bestätigen.

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Bild: Falk Sinß

Aber wie gesagt, die Musik war und ist bei Folklore für mich eher zweitrangig. Ich mag das Festival, weil man an einem Wochenende viele, viele Leute wieder trifft, die man sonst das ganze Jahr über nicht zu Gesicht bekommt. An Folklore kommen sie dann alle wieder aus ihren Löchern gekrochen. Ich denke, das wird dieses Jahr nicht viel anders sein. Und da das Gelände nicht so überlaufen sein wird, läuft man sich schneller über den Weg. Und unter den gegebenen Umständen finde ich die Entscheidung des Schlachthofs nachvollziehbar. Besser ein kleines Folklore als gar keins!

Gut, nächstes Jahr wird Folklore dann teurer. Die bittere Pille muss man schlucken. Aber auch das finde ich nachvollziehbar. Die Preise waren in der Vergangenheit unschlagbar günstig, und wenn die Drei-Tages-Karte nächstes Jahr dann 25 oder gar 30 Euro kosten wird, kann ich damit immer noch gut leben. Viele Festivals werden auch dann noch deutlich teurer sein bei vergleichbarem Angebot.

Soweit so gut. Trotzdem rief die Entscheidung des Veranstalters, dem Kulturzentrum Schlachthof, viel Unverständnis hervor. Das neue Konzept wurde Ende Februar auf einer Pressekonferenz verkündet. Leider konnte ich an dieser nicht teilnehmen und weiß deshalb nicht, wie deutlich die Veranstalter ihre Gründe für die Entscheidung dargelegt haben. In den Zeitungsberichten dazu, wurden hauptsächlich finanzielle Gründe angeführt. Das wirkte für viele nicht überzeugend, was ich nachvollziehen kann. Denn wenn allein das Geld das Problem ist, hätte man den Eintritt schon dieses Jahr erhöhen können. Aber die finanzielle Situation ist nicht der entscheidende Grund, wie mir Organisator Dietmar Krah erklärte und wie ihr es im aktuellen Sensor nachlesen könnt.

Der Schlachthof kann natürlich nichts dafür, wenn in der Presse nur die halbe Wahrheit steht, und die Begründung nur unvollständig wiedergegeben wird. Da aber in allen Artikeln mehr oder weniger dasselbe stand, bin ich mir nicht so sicher, ob das neue Konzept wirklich so erklärt wurde, wie es mir erklärt worden ist.

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Bild: Falk Sinß

Und hier muss sich der Schlachthof Kritik gefallen lassen. Das hätte besser kommuniziert werden können. Ich denke ein paar erklärende Worte auf der Folklore-Website oder bei Facebook, hätten helfen und einige Fragezeichen eliminieren können.

Anders als Kollege Dirk Fellinghauer, habe ich nicht den Eindruck, dass die Veranstalter Folkloremüde sind. Ich denke, sie sind es bisweilen leid, sich immer wieder erklären zu müssen. Und wenn es um die Kritik geht, Folklore habe am Schlachthof seinen Charme verloren, dann kann ich das verstehen. Folklore am Schlachthof ist nicht Folklore im Garten. Es kann gar nicht den Flair haben, den das Festival am Freudenberg hatte. Es hat seinen eigenen Flair. Und 2014 immer noch darüber zu jammern, dass Folklore am Schlachthof seinen Flair verloren habe, bringt ihn auch nicht wieder her.

Ich für meinen Teil finde es am Schlachthof mittlerweile richtig gut. Auf dem Gelände hat man deutlich kürzere Wege. Und die An- und Heimreise ist deutlich einfacher. Wer in Wiesbaden wohnt, ist nicht mehr auf Shuttlebusse angewiesen. Wer von außerhalb kommt, braucht vom Bahnhof fünf Minuten zu Fuß, um auf das Gelände zu kommen. Besser geht es nicht.

Aber die Menschen, die sich gefragt haben, was die Lightversion von Folklore soll, waren nicht die Nörgler, die dem alten Folklore hinterhertrauern, sondern die Menschen, denen Folklore ans Herz gewachsen ist, die damit vielleicht groß geworden sind, für die Folklore mehr ist als nur ein x-beliebiges Musikfestival ist. Von denen gibt es viele in Wiesbaden. Deshalb wird Folklore auch anders wahrgenommen und diskutiert – im Guten wie im Schlechten. Die Welle der Solidarität, die Folklore vergangenes Jahr erfahren hat, als das Aus für das Festival im Raum stand, zeugt davon. Diesen Menschen hätte man das erklären sollen. Viele Ängste wären gar nicht erst entstanden, manche Kritik nicht formuliert worden.

Aber jetzt genug davon. Folklore 014 findet statt. Ich freue mich darauf und hoffe, dass das Wetter dieses Jahr besser wird als voriges Jahr. Wir sehen uns am letzten Wochenende im August. Ich freue mich darauf!

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