Umsonst und gratis – was ist Musik noch wert?

don't steal music, Bild:  30003019Mit immer mehr Gratisangeboten versuchen Bands und Plattenfirmen auf die veränderten Bedingungen im Internetzeitalter zu reagieren. Doch was ist Musik eigentlich noch wert, wenn plötzlich alles gratis ist?

Ein alter Hut, doch: Früher war im Musikgeschäft alles anders. Fans mussten kriminell werden, um ein Nine Inch Nails Album kostenlos aus dem Netz zu laden. Heutzutage reicht ein Klick auf die Homepage der Band und zumindest die letzten beiden Alben können dort kostenlos herunter geladen werden. Ganz legal. Wenn Musikzeitschriften früher CDs beilagen, dann waren das meist Compilations im Pappschuber mit aktuellen Bands, auf die sich die Plattenfirmen der dort vertretenden Künstler einkaufen mussten.

Ein komplettes Album als Gratisbeilage

Und heute? Der Oktober-Ausgabe des deutschen Rolling Stone liegt das neue Album der amerikanischen Band Lambchop komplett mit Booklet in einer Standardplastikhülle bei. Der Aufpreis von 1,40 Euro trägt die Herstellungskosten der CD. Die GEMA-Gebühren übernimmt der Rolling Stone. Das Label muss dafür nichts zahlen. Und Oasis stellten ihr neues Album „Dig out your Soul“ vier Tage vor der offiziellen Veröffentlichung auf ihrer MySpace-Seite online, damit die Fans es sich vorab anhören konnten.

Wie lässt sich im Internet Geld verdienen?

Drei Beispiele, die zeigen: Das Musikgeschäft hat sich verändert. Ein wesentlicher Grund dafür ist das Internet. Seitdem es die Massen erreicht, kämpft die Branche mit schwindenden Umsatz- und Absatzzahlen. Die ersten Stimmen prophezeien schon den Tod der CD. Und was kommt dann? Not macht erfinderisch. Die Branche sucht fieberhaft nach Möglichkeiten, wie im Internet künftig mit Musik Geld zu verdienen ist. Vor diesem Hintergrund wirken die genannten Beispiele geradezu paradox. Denn warum soll der Fan für die Musik seiner Lieblingsbands noch Geld zahlen, wenn sogar die Künstler und Labels schon ihre Musik verschenken? Was ist Musik im Internetzeitalter überhaupt noch wert? Und schaufeln sich die Plattenfirmen mit solchen Aktionen nicht ihr eigenes Grab?

Musik nur noch ein Zeitschriften-Gimmick?

Es ist schwer vorstellbar, dass sich das Berliner Indielabel City Slang sein eigenes Grab schaufeln will. City Slang verlegen in Europa die Platten von Lambchop. Von ihnen stammt die Idee, dass aktuelle Lambchop-Album „OH (ohio)“ dem deutschen Rolling Stone eine Woche vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin beizulegen. Für das kleine Label ist die Verschenkungsaktion ein PR-Coup. Die CD liegt 50.000 Magazinen bei. „Mit dieser Aktion erreichen wir auf einen Schlag viel mehr Leute als mit einem normalen Lambchop-Album. Und vor allem Leute, die die Band bisher noch nicht kannten“, erklärt Curt Keplin, Produktmanager von City Slang. Im Durchschnitt verkaufe Lambchop zwischen 10.000 und 20.000 Einheiten. „Finanziell ist das ein Nullsummenspiel für uns“, räumt er ein. Es gehe vor allem darum, die Band bekannter zu machen, um in der Zukunft vielleicht mehr Lambchop-Alben verkaufen zu können. Eine erste Auswirkung sei schon zu beobachten, erklärt Keplin. „Die meisten Lambchop-Konzerte auf der kommenden Deutschlandtour sind bereits ausverkauft.“ Keplin rechnet damit, das Lambchop auf der nächsten Deutschlandtournee in größere Hallen umziehen müsse.

Lambchop sind nicht allein

City Slang sind nicht die Ersten, die ein komplettes Album vor der Veröffentlichung einer Musikzeitschrift beilegt haben. Zum Beispiel stellte Prince sein letztjähriges Album „Planet Earth“ der englischen Zeitung „Mail on Sunday“ als kostenlose Beilage zur Verfügung bei, ebenso das Osnabrücker Indielabel Redfield Records, das das neue Album der Bonner Emoband „Fire in the Attic“ der Musikzeitschrift Visions beilegte.

Entwertung der Musik?

Solche Verschenkungsaktionen stoßen nicht überall auf positive Resonanzen. So stellten zwei große Elektronikhandelsketten das neue Lambchop-Album erst gar nicht in ihre Regale und strichen den kompletten Backkatalog, also alle früheren Alben der Band aus ihrem Sortiment. Auch von kleineren Fachhändlern wird die Aktion kritisch gesehen, wie zum Beispiel von Christos Davidopolous vom Münchner Plattenladen Optimal, der gegenüber Bayern 2 erklärte: „Eine der negativen Folgen ist doch, dass die vorherrschende Tendenz verstärkt wird, dass ein Album oder eine CD überhaupt keinen Wert mehr hat.“

Nur noch funktionale Hintergrundmusik?

Curt Keplin hat dazu erwartungsgemäß eine andere Meinung: „Ich denke nicht, dass durch unsere Aktion der Eindruck entsteht, dass die Musik von Lambchop nichts mehr wert sei.“ Auch Tim Renner, ehemaliger Chef von Universal Deutschland und heute geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Musikunternehmens Motor, glaubt nicht, dass die Musik durch solche Verschenkungsaktionen entwertet werde. „Ich sehe die Entwertung der Musik woanders, nämlich überall dort, wo Musik nur noch als funktionale Hintergrundmusik fungiert, wie zum Beispiel im Formatradio. Und in Sendungen wie ‚Deutschland sucht den Superstar‘, wo das Mysterium des Musikers zerstört wird.“

Der Download als PR-Masche?

Einen anderen Weg haben Radiohead eingeschlagen. Nach der Trennung von ihrer bisherigen Plattenfirma EMI, veröffentlichte die britische Band ihr aktuelles Album „In Rainbows“ vergangenen Oktober in Eigenregie zunächst nur als Download, bei dem die Fans selbst entscheiden konnten, ob und wie viel sie für den Download zahlen wollen. Ende Dezember erschien „In Rainbows“ dann als reguläres Album und kletterte, wahrscheinlich auch wegen der breiten Berichterstattung über die Downloadaktion, in England und in den USA jeweils auf Platz eins der Charts. Einen ähnlichen Weg ging auch die amerikanische Rock-Band Nine Inch Nails. Ihre letzten beiden Alben „Ghosts I-IV“ und „The Slip“ veröffentlichte sie als kostenlosen Download und jeweils in aufwändig gestalteten CD-Versionen, die trotzdem genügend Abnehmer finden. „The Slip“ startet mit einer Auflage von immerhin 250.000 Stück.

Zukunft der Plattenfirmen

Theoretisch kann jede Band ihrer Lieder direkt als Download im Internet anbieten und ist damit nicht mehr auf Labels angewiesen. Werden Plattenfirmen also bald überflüssig?  Renner gibt Entwarnung: „Bands, die sich zwischen dem Amateurstatus und den großen Superstars bewegen, werden auch weiterhin das Know-How der Plattenfirmen brauchen.“ Die klassische Vertriebsfunktion werden zwar wegfallen, dafür würden die Plattenfirmen im Internet aber eine Leuchtturmfunktion für die Konsumenten übernehmen, damit diese in dem überfluteten Markt das für sie passende Angebot finden könnten, erklärt Renner. „Dafür ist es aber wichtig, dass die Plattenfirmen ein klares Profil und eine eigene Identität entwickeln.“ Nischenfirmen, wie zum Beispiel die Deutsche Grammophon oder bestimmte Indielabels, die für einen bestimmten Musikstil stünden und ein klar definiertes Angebot hätten, fiele es deshalb leichter die Leuchtturmfunktion zu erfüllen, als den großen Majors, die aufgrund ihres breiten Programms kein klares Profil entwickeln könnten.

Der Tod der CD

Weniger rosig beurteilt Renner dagegen die Zukunft der CD. Diese werde wohl auf der Strecke bleiben. „Die CD ist in einer Sandwich Position zwischen Vinyl und mp3. Die Vorteile, die sie gegenüber der Schallplatte hat, ihre bessere Transportierbarkeit und stärkere Widerstandsfähigkeit, hat die mp3 auch gegenüber der CD. Dafür hat die CD aber Nachteile gegenüber der Schallplatte, einen schlechteren Klang und das geringere haptische Erlebnis, was sie nicht wettmachen kann.“ Zumal die CD für den Konsumenten in der Vergangenheit meist ein schlechtes Geschäft gewesen sei. Wer früher nur vier Lieder von einer Band haben wollte, musste trotzdem die ganze CD für den vollen Preis kaufen, erklärt Renner. Für den Konsumenten sei der Download attraktiver. Der Konsument lade sich nur die Lieder herunter, die er haben wolle und das für ein deutlich günstigeren Preis. Die Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie bestätigen das. Der Verband verzeichnete 2007 in Deutschland rund 35 Millionen Einzeldownloads, aber nur 2,6 Millionen Albendownloads.

Geschäftsmodell der Zukunft

Wie aber sieht das Geschäftsmodell der Zukunft aus, wenn die CD ausstirbt und legale Downloads mit kostenlosen illegalen Downloads konkurrieren müssen? Wie werden die Plattenfirmen und die Künstler künftig mit Musik Geld verdienen? Renner setzt auf ein konsequentes Flatratemodell. Ein Modell also, bei dem der Konsument für einen gewissen Betrag eine bestimmte Menge an Musiktiteln herunterladen kann. „Entscheidend ist aber, dass das Angebot der Majors attraktiver ist als das der Piraten“, betont Renner. „Dafür dürfen die Stücke aber keinen Beschränkungen unterliegen, keinen Kopierschutz haben, müssen eine gute Soundqualität besitzen und wirklich dem Konsumenten gehören. Dann hat das Modell eine Zukunft.“

Erschienen am 12.10.2008 auf ARD.de

© ARD.de

4 comments

  1. hans

    Also es ist schon ein Wahnsinn wenn man nur mp3 bei google eingibt wieviele websiten dort MP 3 s anbieten.
    Legal oder auch illegal meistens ist es dem User erst bewusst wenn er auf dieser Website einlogt.

    Trotzdem ist es nicht richtig da die Künstler ja auch für Ihr Produkt Geld wollen oder das wäre das selbe wenn ich mir einfach im Supermarkt die Pizza ohne Bezahlen aus dem Geschäft nehme.

    Gruss Hans.

  2. Daniel

    Bei search4songs.com kann man Preise von Musikdownloads vergleichen… Manchmal ist Musicload billiger wie iTunes und Amazon, manchmal auch ein anderer Anbieter… Grüße Daniel

  3. umsonst

    Also ich kenne jede menge Leute die sich original CD Alben kaufen. Nur weil Sie das Original haben wollen, immerhin hat soetwas ja auch Sammlerwert. Der Absatz was den Verkauf von CD´s angeht wird warscheinlich weiterhin sinken aber sterben wird die CD/DVD deswegen nicht.

    • falksinss

      Nun, ob die CD wirklich „ausstirbt“ oder nicht, ist natürlich reine Spekulation. Aber die CD wird über kurz oder lang als Hauptumsatzbringer der großen Plattenfirmen und Labels verschwinden, also doch „aussterben“. Die CD wird damit allenfalls in der Nische Bedeutung haben, wie zum Beispiel heute schon Vinyl. Da sind die Verkaufszahlen in den vergangenen Jahren auf niedrigem Niveau sogar wieder gestiegen, nachdem alle Welt den Tod der Schallplatte prophezeit hatte. Aber ob es der CD auch so ergehen wird? Ich habe starke Zweifel. Einen wirklichen Sammlerwert hat die CD nicht, von einem persönlichen Wert einmal abgesehen. Kaum eine CD erzielt nenneswerte Preise auf Plattenbörsen. Auch ein Blick in Sammlerkataloge bietet Ernüchterung. Die Preise liegen selten über 20 Euro pro CD.
      Für die Labels geht jetzt darum, wie können sie in Zukunft genügend Umsatz generieren, nachdem ihr klassisches Geschäftsfeld, der Tonträgerverkauf, immer kleiner wird. Beim Verkauf von mp3s haben sie den Anschluss verpasst. Die Frage ist, können sie diesen Rückstand aufholen und zum Beispiel Apple aus dem Markt drängen, die zurzeit das größte Geschäft mit dem Verkauf von mp3s machen. Finden sie außerdem einen Weg, einen Mentalitätswandel bei den Usern von Tauschbörsen zu erreichen? Oder finden sie gar ein ganz anderes Geschäftsmodell, mit dem sie Geld verdienen können? Und werden sie in Zukunft überhaupt noch gebraucht? Große Bands jedenfalls kommen schon heute prima ohne große Labels aus. Wenn es den Labels nicht gelinkt, auf diese Frage eine Antwort zu finden, dann werden auch sie irgendwann verschwinden.

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