Wie die FAZ unfreiwillig dargelegt hat, warum der Print-Journalismus in der Krise steckt

Bild: Falk SinßEtwas unfreiwillig hat Volker Zastrow am Sonntag in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung* dargelegt, warum der Print-Journalismus in der Krise steckt. In seinem Kommentar „Hängen all diese Krisen zusammen?” fragt sich Zastrow, ob es Gemeinsamkeiten zwischen den Brandherden in Syrien, im Irak und in der Ukraine gibt und zeigt nebenbei warum der Print-Journalismus in der Krise steckt.

Der Print-Journalismus ist zu langsam. Das ist nicht neu, aber in Zeiten der immer schnelleren Informationsverbreitung wird das immer deutlicher. Und der Journalismus erledigt seine Aufgaben immer seltener (oder es wird heutzutage einfach sichtbarer). Vor allem in der Auslandsberichterstattung interessieren sich die Medienhäuser meist nur noch auf aktuelle Krisen und ziehen dann weiter, wenn die Krise ausgestanden ist (oder sich woanders eine noch größere Krise ereignet). Hinzukommt der Spardruck, der dafür sorgt, dass Stellen abgebaut, immer weniger eigene Auslandskorrespondenten eingesetzt werden – womit es immer schwerer wird eigene Themen zu setzen.

Das hat Volker Zastrow in seinem Kommentar vom 31. August in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung so natürlich nicht geschrieben. Stattdessen hat er sich gefragt, ob es Gemeinsamkeiten zwischen den Krisenherden in der Ukraine, in Syrien und im Irak gibt. Für ihn liegen die Gemeinsamkeiten der Brandherde in Syrien, im Irak und in der Ukraine in der “Überraschung”. Und damit deckt er unfreiwillig auf, warum der Print-Journalismus in der Krise steckt.

“Doch auch dafür [, um die Verbreitung der Kriegslogik zu verhindern, F.S.] ist es wichtig, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die beiden Konflikte etwas verbindet. Eines fällt gleich ins Auge: die Überraschung. Der Westen – grob zusammengefasst: wir alle – wurde kalt erwischt.”

Die These ist natürlich sehr gewagt, doch Zastrow macht sich gleich daran, diese mit Belege zu untermauern. Er führt dafür die F.A.S.-Ausgabe vom 23. Februar dieses Jahres an. Dort ist der Super-GAU für jede Print-Redaktion passiert: Zwischen Redaktionsschluss und Auslieferung hat sich die politische Lage so geändert, dass die Nachrichten in der Zeitung überholt sind. In diesem Fall ging es um die Ukraine. Der Artikel über den Fünf-Punkte-Plan, den die Außenminister von Deutschland, Frankreich und Polen vorgelegt hatten, war durch den Umsturz (der auf Seite 1 und Seite 3 vermeldet und beschrieben wurde) hinfällig geworden.

“Die Tinte auf dem Papier war noch nicht trocken, da war das alles schon überholt”, schreibt Zastrow. Und wenn man Tinte gegen Druckerschwärze tauscht, trifft das auch auf jenen Artikel über den Fünf-Punkte-Plan zu.

Onlinemedien hatten das Problem nicht. Die konnten ihre Artikel aktualisieren und ihre Leser so auf dem neusten Stand halten. Das ist aber nicht nur ein Problem bei weltpolitischen Themen. Schon die normale Berichterstattung über abendliche Fußballspiele findet sich erst einen ganzen Tag später in manchen Tageszeitungen wieder, wenn der Spielschluss erst nach Redaktionsschluss ist. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft ließ sich das sehr gut beobachten.

Das Problem ist nicht neu, aber in Zeiten einer immer schnelleren Informationsverbreitung, zeigt es diese Schwäche der Tageszeitung umso deutlicher: Im Vergleich mit allen anderen News-Kanälen ist die Tageszeitung der Langsamste. Radio, Fernsehen und Online sind deutlich schneller und aktueller.

Doch Zastrow macht hier nicht Halt, sondern er fährt ein zweites Beispiel auf, dass seine These von der allgegenwärtigen Überraschung untermauern soll.

„Nicht anders ist es mit dem “Islamischen Staat”. So schnell, wie Isis sich ausbreitete, konnten wir uns die Schuppen kaum aus den Augen reiben: als würde sich eine Armee aus dem Wüstensand erheben und zu rasenden Eroberungen schreiten; jetzt nennt sie sich, nach unglaublichem Erfolgen, schon einen Staat.”

Für Zastrow mag diese Entwicklung vielleicht überraschend kommen. Aber vielleicht liegt das weniger an den islamischen Gotteskriegern, die sich aus dem Wüstensand erhoben haben, sondern daran, dass Zastrow – oder grob zusammengefasst: die meisten deutschen Medien – einfach nicht hingeschaut haben? Sehr aufschlussreich dazu ist das Interview, das der Journalist in seiner Augustausgabe mit Birgit Svensson geführt hat, die derzeit einzige deutsche Korrespondentin in Bagdad ist.

„Das hat sich in fast zwei Jahren hochgeschaukelt [das Erstarken der Isis, F.S.]. Es war absehbar, dass es im Irak soweit kommen wird, aber das wollte niemand hören. Als dann Isis Anfang April schon in Abu Ghraib war, einem Vorort von Bagdad, haben wir richtig Angst bekommen. Ich hatte damals Artikel angeboten, aber alles schaute auf den Ukraine-Konflikt. Die Lage im Irak spielte keine Rolle – ganz anders als jetzt. Dabei sind die Isis-Rebellen jetzt weiter von Bagdad entfernt und die Bedrohung war im April wesentlich größer. Nicht nur ich, sondern auch viele Kollegen beklagen, dass die Korrespondenten vor Ort in den Redaktionen nicht gehört werden. Stattdessen herrschen dort bestimmte Meinungen vor. Dagegen kommt man kaum noch an.”

Svensson hat dazu auch eine passende Erklärung dafür parat.

 „Ich glaube, dass man heute zu sehr polarisiert und sich zu sehr auf ein Thema konzentriert. Dann werden nur noch Berichte zu diesem einen Thema gemacht, und alles andere wird ausgeblendet.”

Ihren Ausführungen zufolge, ist das Erstarken von Isis also alles andere als überraschend, sondern es hat sich schon seit Monaten angekündigt. Aber wenn deutsche Medien nicht darüber berichten wollen, dann kommt das natürlich überraschend – zumindest wenn man nicht andere, ausländische Medien konsumiert.

Aber Zastrow hat noch ein weiteres Argument, um seine These zu stützen: die Finanzkrise.

„Die durch den Crash der Lehmann Brothers ausgelöste Finanzkrise hat die westliche Öffentlichkeit und ihre Eliten genauso kalt erwischt.”

Aber warum wurde die westliche Öffentlichkeit so kalt erwischt? Weil die kritischen Stimmen nicht gehört wurden, die vor der Immobilienblase, der hemmungslosen Kreditvergabe und den Folgen, wenn die Blase platzt, gewarnt haben. In den deutschen Mainstreammedien musste man schon lange suchen, um überhaupt ein kritisches Wort zu finden. Und die Warnungen, die in linken Medien, wie etwa Konkret, schon lange vor dem Lehmann Crash und auch vor dem Bank Run auf Northern Rock oder die Beinahe-Insolvenz von Bear Stearns ausgesprochen wurden (btw. es wird im Rückblick immer so dargestellt, als wäre die Finanzmarktkrise durch den Zusammenbruch von Lehmann Brothers ausgelöst worden. Dabei war die Krise da schon im vollen Gange. Den Bank Run auf Northern Rock und die Beinahe-Insolvenz von Bear Stearns kurz zuvor, werden in diesen Betrachtungen gerne vergessen.), fanden außerhalb der linken Theoriezirkel kaum Gehör. Kein Wunder, dass die Finanzkrise für die deutsche Öffentlichkeit überraschend kam. Ein wenig Recherche und ein Blick über den eigenen ideologischen Tellerrand hätten hier Abhilfe schaffen können.

So etwas in der Art scheint auch Zastrow zu meinen:

„Das kann nicht an der Stärke, sondern nur an der Schwäche unserer Wahrnehmung liegen: Man sieht nicht die Wirklichkeit, sondern die Deutung, die man von ihr hat, eine Art Standbild.”

Als Lösung schlägt er „ernsthafte, respektvolle Kommunikation” vor. Diese sei das wirksamste Mittel zur Verbesserungen unserer Deutungen. „Sie hilft am besten, die Wahrnehmung zu justieren, sie immer wieder neu an die Wirklichkeit anzupassen – und klug zu handeln.”

Auf den Journalismus übertragen heißt das: Die Medien sollten endlich wieder ihre Arbeit machen: darüber berichten, was in der Welt passiert. Dann würde sich manche „Überraschung“ als weniger überraschend darstellen.

* Ich habe nichts gegen die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und auch nichts gegen Volker Zastrow. Nur sein Kommentar hat wunderbar zu meiner Wahrnehmung des Journalismus, wie er meiner Meinung nach gegenwärtig in weiten Teilen der deutschen Medienlandschaft praktiziert wird, gepasst.

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