„Wir können das auch – aber besser“

Die Fehlfarben schrieben mit „Monarchie und Alltag“ Geschichte. Wahrscheinlich kein anderes Album prägte den deutschsprachigen Indiepop und -rock so sehr, wie dieses. Jetzt, 30 Jahre später, ist ihr neues Album „Glücksmaschinen“ erschienen. Sänger Peter Hein und Keyboarder Frank Fenstermacher haben mit ARD.de über das Album gesprochen – und darüber, ob sie neidisch auf den Erfolg jüngerer Bands wie „Tocotronic“ sind.

ARD.de: Es gibt euch jetzt über 30 Jahre. So lange halten viele Ehen nicht, und die meisten Bands haben sich schon nach viel kürzerer Zeit heillos verkracht. Was ist Euer Geheimnis?
Peter Hein: Vielleicht liegt es ja daran, dass wir erst seit knapp acht Jahren, seit der Veröffentlichung von „Knietief im Dispo“ 2002, eine richtige Band sind. Nun sind wir im reifen Alter und stehen kurz vor der Rente.
Frank Fenstermacher: Wir versuchen, möglichst weit voneinander entfernt zu wohnen. Außerdem proben wir möglichst gar nicht und sehen uns auch sonst so wenig wie möglich, damit wir uns die restliche Zeit gern haben können.

Wie bitte, Ihr probt nicht? Und wie entstehen dann Eure Lieder?
Fenstermacher: Oh, die Lieder sammeln sich in der Zwischenzeit beim Bassisten Micha, unserem Gitarristen Uwe und mir einfach an. Und wir treffen uns dann zur Vorbereitung meist zwei oder drei Tage. Für „Glücksmaschinen“ haben wir uns drei Tage lang in Überlingen am Bodensee vorbereitet.

In einem Interview vor vielen Jahren habt Ihr mal gesagt, dass Eure Lieder sehr spontan entstanden sind. Sie seien „gedacht, geschrieben, gemacht worden – und das alles gleichzeitig“. Dann ist das heute immer noch so?
Fenstermacher: Eigentlich schon. Viele Texte entstanden damals und entstehen heute noch immer erst im unmittelbaren Zusammenhang und unter dem Eindruck unserer Musik. Man könnte sagen: Die Musik dirigiert den Text, beziehungsweise sie ordnet die Elemente.

Als ihr damals, Ende der 1970er Jahre, angefangen habt, ging es darum, die Gesellschaft mit einer völlig anderen Musik zu schockieren. Hat sich in den vergangenen 30 Jahren eure Motivation, Musik zu machen, verändert?

Hein: Vielleicht schon ein bisschen. Zumindest ich kann es mir seit einigen Jahren nicht mehr leisten, aus Trotz irgendwelche Schnapsideen zu realisieren, die irgend jemand anders abgelehnt hat, weil sie zu schlecht oder unverkäuflich oder was auch immer seien.
Fenstermacher: Nö, bei mir nicht. Die Welt ist nicht klüger und besser geworden – und wir auch nicht. Wir müssen weiterspielen.

Euer neues Album ist mit nur acht Liedern ziemlich kurz ausgefallen. Wie ist es dazu gekommen?
Hein: Weil Schallplatten früher auch nicht länger waren! Unsere ist jetzt nur ein bisschen länger als eine LP der Ramones.

Stimmt, deren Platten waren selten sehr viel länger als eine halbe Stunde.
Hein: Und das reicht auch! Mir gehen diese Medium-ausreizen-bis-zum-Anschlag-Platten auf den Keks.
Fenstermacher: Ursprünglich haben wir elf Lieder für „Glücksmaschinen“ aufgenommen. Wir haben aber nur acht auf das Album gepackt, weil diese untereinander eine bestimmte Spannung erzeugen. Zudem haben wir gemerkt, dass die klassische LP-Länge von 36 Minuten uns wohl irgendwie geprägt haben muss. Denn wir empfinden es auch als die perfekte CD-Länge.

Im Gegensatz zu „Knietief im Dispo“ und „Handbuch für die Welt“, das 2007 erschien, habt Ihr die „Glücksmaschinen“-Songs auf die nötigste Instrumentierung beschränkt. Ist diese rohe Schnörkellosigkeit Ausdruck dessen, dass Ihr das Album unter großem Zeitdruck eingespielt habt?

Hein: Das stimmt. Das sollte so sein. Das war die Idee unseres Produzenten, Moses Schneider – und es hat geklappt.
Fenstermacher: Wir haben alle elf Stücke in nur fünf Tagen eingespielt.

Und warum?
Fenstermacher: Moses Schneider arbeitet gewöhnlich so, die Songs live und ohne anschließende Nachbearbeitung aufzunehmen. Die Musik entfaltet so mehr Dynamik. Früher war es ganz normal, dass man live einspielte.

Nicht nur wegen des Cure-Zitats in „Stadt der 1000 Tränen“ erinnert das Album an die 1980er Jahre. War das eine bewusste Entscheidung zu sagen: „Dass wir modern sein können, haben wir schon mit ‚Knietief im Dispo‘ und ‚Handbuch für die Welt‘ bewiesen – jetzt machen wir es wieder wie früher.“?
Fenstermacher: Stimmt, wenn man so will, kann man die fünf Aufnahmetage in Berlin mit den Aufnahmen 1980 im Studio der EMI, unserer damaligen Plattenfirma, für „Monarchie und Alltag“ vergleichen. Die dauerten damals ebenfalls nur fünf Tage. Ich empfinde aber „Glücksmaschinen“ trotzdem so modern wie „Handbuch für die Welt“ oder „Knietief im Dispo“.

Der Titelsong „Glücksmaschinen“ wirkt wie ein selbstironischer Rückblick auf Eure eigene Punk-Vergangenheit – und dass Ihr Euren eigenen Eltern dann doch ähnlicher geworden seid, als Ihr das ursprünglich wolltet.
Hein: Das Lied hat nichts mit Punk zu tun. Es gibt immer Leute, die als schlimmste Kritiker der Elche heute selber welche sind. Es geht auch nicht um die eigenen Eltern. Gegen die musste man ja nie wirklich singen, es ging immer gegen die eigene Zielgruppe.

„Leute Vielleicht 5“ klingt wie der Nachfolger des Stücks „Intelnet“ von Eurer Vorgängerband Mittagspause. Darin weckt ihr die Eindruck, dass Ihr was gegen moderne Kommunikationsmittel habt. Ist das so?
Hein: Auch damals hat moderne Kommunikationstechnik nicht gestört, außer wenn sie in Deppenhand zum Angeberscheiß verkommt. Oder zur Dauernerverei. Ach, wie wäre es doch schön, wenn’s damals das Internet schon gegeben hätte! Allerdings wäre dann wohl keine Arbeit mehr möglich gewesen, da wir nur noch online gewesen wären, um unsere Fanseiten zu lesen.

In „Aufgebraucht“ geht es um die Folgen der Wirtschaftskrise. Hat die Euch auch persönlich betroffen?
Hein: Nein. Es ging ja immer nur um Geld und Arbeitsplätze, zwei Dinge, über die ich nicht verfüge.

Eure Plattenfirma behauptet, dass es Euch nervt, immer wieder auf Eure Texte angesprochen zu werden. Wie kommt das?
Fenstermacher: Das stimmt schon. Man kann es manchmal einfach nicht besser sagen als im Liedtext. Und den singt man und dazu kommt noch die Musik.

Seit die Fehlfarben 2002 wieder zusammengefunden haben, scheint Ihr die Labels öfter zu wechseln als andere das Hemd. „Glücksmaschinen“ ist seitdem das dritte Studioalbum und alle drei sind bei einem anderen Label erschienen. Lieben Euch die Schallplattenfirmen nicht mehr?

Fenstermacher: Eine Firma kann doch nicht lieben, sondern höchstens ein Mitarbeiter. Aber das Personal  wechselt und wenn die nächste  Firma dann verkauft werden muss und der neue Besitzer andere Tapeten anbringt, dann müssen wir halt ein Label finden, das „Tapete“ heißt – und bei „Tapete Records“ sind wir jetzt.
Seid Ihr als „alte Hasen“ im Musikgeschäft überhaupt noch an aktueller Musik aus dem Indie-Bereich interessiert?
Hein: Nein, mir ist sie völlig egal.
Fenstermacher: Ich schon, unbedingt, auch wenn man nicht mehr die Zeit findet, sich so umfassend zu informieren und auch nicht mehr so stark in der informierten Szene verkehrt wie zur Jugendzeit. Die Lücken, die die Medieninformation heutzutage hinterlassen, sind leider auch nicht kleiner geworden – dafür aber die eigenen Interessen vielfältiger.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Geschichte der Fehlfarben meist auf Euer 1980 erschienenes, wegweisendes Album „Monarchie und Alltag“ reduziert. Eure Scheiben, die danach erschienen, werden – wenn überhaupt – nur beiläufig erwähnt. Nervt Euch das?
Hein: Ja absolut!
Fenstermacher: Es ist manchmal schade, wenn auf die aktuellen Inhalte gar nicht mehr eingegangen wird und ein Zitat oder ein Verweis auf die Vergangenheit allein die Existenz eines Beitrags rechtfertigen. Aber sollen wir uns  beklagen? Dieser Selbstreflexion verdanken wir möglicherweise ja unsere Existenz oder überhaupt das Interesse an unseren Scheiben.

Ihr gehört zu den Pionieren deutscher Bands mit anspruchsvoller Musik und Texten.  In einem Interview habt Ihr einmal gesagt, dass es nie die Ersten sind, die das Feld aufrollen, sondern die „Epigonen“, also die Nachkommen. Aktuell steht etwa Tocotronic mit seinem Album „Schall und Wahn“ ganz oben in den Charts. Wurmt es Euch, dass andere die Früchte auf dem Feld ernten, das Ihr bestellt habt?

Fenstermacher: Eigentlich nicht. Ich freue mich, dass es immer mehr werden, die sprechen möchten und singen können – bei denen der Platz im Herzen mehr wert ist als das Geld in der Börse.
Hein: Aber sicher doch, mich wurmt das. Vor allem, wenn – unter Ausblendung der Tatsachen – solche als „Retter der Popwelt“ gedeutet werden. Mensch, die sind nur ein bisschen jünger, die sehen aber trotzdem scheiße aus. Was die können, können wir auch alles – aber besser.

Das Interview führte Falk Sinß.

Erschienen bei ARD.de am 12. Februar 2010.

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